Zeitungs-Ausschnitte: Formel I (4)

"Heavy Metal mit Herz und Schnauze" - "Volksblatt Berlin [West]" (22.01.1987)

Er "trägt nur schwarzes Leder mit Nieten reich bestückt... er liebt das Leben, ja nur auf seine Art, auf keinen Fall so stinknormal... Heavy Metal, Leder-Bräute das ist seine Bank..." Und das ist Lemmy, der Edelrocker, besungen von der Ost-Berliner Heavy-Metal-Band Formel I.
Auch in der DDR ist Heavy Metal kein unbeschriebenes Blatt. Das Bedürfnis der Fans nach harter Rockmusik ist in den letzten Jahren derart angestiegen, dass Hard-Rock und Heavy Metal aus der Musiklandschaft der DDR einfach nicht mehr wegzudenken sind. Dazu Norbert Schmidt, Sänger der Gruppe Formel I: "Es gibt jetzt viele HM-Bands in der DDR. Die Heavy-Metal-Szene hat im letzten Jahr unheimlich zugenommen. Ich meine, vielleicht ist das auch unserer Standfestigkeit zu verdanken, dass wir eben durchgehalten haben."
Aufgrund dieser Standfestigkeit ist Formel I nicht nur die dienstälteste Heavy-Metal-Formation in der DDR, sondern auch die erste Gruppe, die Schermetall-Musik auf Vinyl bannen konnte. Nach einer 1985 veröffentlichten Single folgte Ende des vergangenen Jahres die Langrille. Sie heißt "Live im Stahlwerk" und wurde im Kulturhaus der Stahl- und Walzwerker in Hennigsdorf aufgenommen. Warum die Formel-I-Fans etwa fünf Jahre auf das erste Plattenerzeugnis der Band warten mussten? Norbert Schmidt: "Ja, es gibt viele Leute, die Vorurteile haben gegenüber den Leuten, die zu unserer Musik kommen und die vielleicht auch unserer Musik kritisch gegenüberstehen. Die sagen zum Beispiel, das ja alles chaotisch, die Leute wollen ich da nur austoben... aber es gibt viele Leute, die voreingenommen waren du die wir mit unserer Art des Auftritts überzeugt haben." Auftritte in Jugendsendungen des DDR-Fernsehens zeigen, dass die Heavy-Metal-Bands bei Presse und Rundfunk zahlreiche Vorurteile abbauen konnten. Das im Fernsehen verbotene und in den Medien oft verpönte Leder- und Nieten-Outfit ist mittlerweile schon fas gesellschaftsfähig geworden.
Norbert Schmidt: "Ich würde sagen, das ist 'ne Modeerscheinung. Da gibt's ja auch viele Frauen, die sich mit Nieten behängen, und da sagt keiner was. Ich meine, mit dem Outfit gibt's keine Probleme mehr." Und Probleme musikalischer Art sieht Norbert Schmidt ohnehin nicht, denn Formel I spielen die Musik, die sie lieben: Heavy Metal mit Herz und Schnauze. "Man merkt vielleicht ein bisschen an unserer Art von Musik, dass wir schon Hard-Rock gemacht haben. Wir orientieren uns natürlich auch an internationalen Trends. Aber an sich sind wir bestrebt, Formel-I-Musik zu spielen."
Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass in der pop- und Rock-Landschaft der DDR ausschließlich deutsche Texte das Sagen haben. "Das ist eigentlich das Problematischste am Heavy Metal, dass man den in deutscher Sprache rüberbringen... sollte. Aber ich bin der Meinung, das geht. Das kommt immer auf die Thematik der Texte an, und wenn die Texte dementsprechend angelegt sind, dann kann man auch Heavy Metal gut rüberbringen", sagt Norbert Schmidt. Formel-I-Texte drehen sich um Alltagsprobleme, Fans und Musik.
Darf dieser Text nun auch deutliche Kritik enthalten? "Na ja, es gibt gewisse Spielregeln, die eingehalten werden. Manchmal ist das schon ein bisschen ärgerlich, wenn man sich in den Kopf gesetzt hat, irgendetwas zu produzieren. Aber auf einer freundschaftlichen Ebene wird dann darüber diskutiert. Und gesunde Kritik kann man schon anbringen, da wird auch keiner was dagegen haben. Ich meine, Kompromisse muss man überall eingehen, und ich bin an sich ein sehr kompromissbereiter Mensch. Das fällt zwar nicht immer leicht, aber man sollte nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen." (von Hubertus Ceder)


unveröffentlichtes Interview mit Norbert Schmidt - "Neues Leben" (Nov. 1987)

Die Leserreaktion auf zwei unterschiedliche Musikbeiträge in unserem Februarheft brachte es wieder einmal an den Tag: Während die einen für Modern Talking, C.C. Catch oder Bummi schwärmen, schwören die anderen auf Iron Maiden oder Scorpions die Heavy Metal-Fans. Und weil diese meinen, daß über "ihre Musik" ohnehin viel zu wenig geschrieben wird, verabredeten wir uns mit dem Frontmann von FORMEL I, der wie eine Musikzeitschrift unlängst schrieb "die gebündelte Erfahrung der 'livehaftigen' Hardrocktraditionen in diesem Land verkörpert".

Keine "Edelrocker": Formel I

nl: FORMEL I ist nicht nur die erfolgreichste sondern auch dienstälteste Heavy Metal-Band in unserem Land. Norbert, wie ist das aus deiner Sicht mit dem Heavy Metal und dem dazugehörigen Outfit so?
Norbert Schmidt: Das Leder-Image führte schon 1974 der Judas Priest-Sänger Rob Halford ein. Damals gab es noch die großen Hardrock-Bands wie Deep Purple oder Led Zeppelin. 1978, als sich die großen Bands der siebziger Jahre auflösten oder von der Bildfläche verschwanden, rückte Heavy Metal und damit eben dieses leder-Outfit nach vorn. Aber diese Kleidung ist kein "Muß"; Iron Maiden zum Beispiel präsentieren sich optisch ganz anders und ist dennoch eine echte Heavy Metal-Band. Als Wolle Denksy und ich 1981 das konzept für FORMEL I entwarfen, wollten wir harte gitarrenbetonte Musik machen. Wir spielten Songs von Judas Priest und Saxon, später immer mehr eigene Sachen. Interesse für diese Art von Musik gab es schon damals, und die Nachfrage ist jetzt noch größer geworden. Trotzdem war's für uns anfangs nicht leicht. Wir hatten keine richtige Anlage, 'ne Menge Probleme, auch Vorurteile zu bekämpfen. Aber wir haben auch in den schwierigen Zeiten zusammengehalten und sind bei unserem Konzept geblieben (zum Beispiel verstärkt eigene Heavy Metal-Songs zu schreiben).
nl: Das braucht eine band ja auch, um sich ein eigenes Profil zu erarbeiten. Doch dazu gehören auch Texte. Deutsche Sprache und Heavy Metal das ist für viele ein Problem...
Norbert Schmidt: Für uns war es am Anfang auch neu. Aber man muß versuchen, das publikum nicht allein mit nachgespielten Sachen sondern vor allem mit eigenem Material auf seine Seite zu ziehen. Ein Schriftsteller kann ja auch nicht einfach ein anderes Buch abschreiben. Ich gebe zu: Wenn ich an den Texten sitze, muß ich mich manchmal schon ganz schön quälen, ich bin kein professioneller Texter. Gut nachvollziehbar für unsere Fans sind solche Titel wie "Edelrocker" oder "Heavy Metal". Aber wir wollen eigentlich ein größeres Publikum ansprechen, und so erweitern wir die Problematik, die wir behandeln, auf alle möglichen Alltagsbereiche. Wenn wir bei Konzerten mit den Fans sprechen, reden wir auch über deren Fragen, Probleme, Haltungen. So ein Gespräch ist dann nicht selten der Anstoß für einen neuen Song.
nl: Was hältst du von Heavy Metal-Arten wir "Speed" oder "Thrash"?
Norbert Schmidt: Manches, zum Beispiel was Metallica macht, kann ich akzeptieren; aber einige Bands hören sich an, als ließe jemand eine Waschmaschine laufen...
nl: Das andere Extrem, die "Poser", sind ja nun mit Bon Jovi, Cinderella oder Europe recht erfolgreich.
Norbert Schmidt: Das ist für mich gepflegter Hard Rock. Solche Bands gab es mit Bad Company schon in den siebziger Jahren. Unser Sound wird davon nicht beeinflußt.
nl: Eure von Wolfgang Martin im nl zitierte Bermerkung zu Iron Maiden die kochen auch nur mit Wasser wurde von einigen Lesern als Überheblichkeit verstanden.
Norbert Schmidt: Wir meinten: Als wir die Musiker nach dem hervorragenden Konzert in der VR Polen trafen, merkten wir, daß sie trotz Perfektionismus ganz normale Menschen sind. Dadurch stiegen sie noch in unserer Achtung. Unsere Bemerkung was also alles andere als abwertend gemeint. - Wir konnten die Band dann bei einem Fußballspiel gegen eine polnische Elf beobachten (übrigens gewann Iron Maiden 4:1m die Tore schoß Steve Harris).
nl: Zurück zu euch. Ihr habt ziemlich lange und intensiv an einer neuen Sache gearbeitet.
Norbert Schmidt: Ja, unser neues Programm "Die Burg" steht seit Mai diesen Jahres. Das waren neun Monate harter Arbeit ein völlig neues, aufwendiges Bühnenbild, eine neue Lichtkonzeption, ein verändertes Outfit der Musiker, neue Songs wie "Kreuzritter", "Hart wie Stahl", "Fehlstart"... Daß dieses Unternehmen kein 'Fehlstart', bewies die Reaktion der Fans bei der Premiere im Jugendklubhaus Langhansstraße in Berlin.
nl: Diesen Erfolg wünschen wir euch weiterhin. Du bist ja schon ziemlich lange in der Rockszene zuhause. Denkst du manchmal ans Aufhören?
Norbert Schmidt: Diese gitarrenbetonte Musik war schon immer mein Traum. Wenn ich auf der Bühne stehe und hinter mir peitschen die gitarren los, das törnt mich unheimlich an. Ein Ende ist da noch nicht in Sicht.
nl: Wer zum Beispiel steht denn hinter dir (und das nicht nur räumlich gesehen)?
Norbert Schmidt: Wolfgang 'Wolle' Densky (Gitarre), Peter Fincke (Schlagzeug), Detlef Dudziak (Baßgitarre) und Michael Sündermann (Gitarre).

Meinungen zur ersten LP der Band "Live im Stahlwerk": "Der Sound in der Abmischung ihrer Musik fällt im vergleich mit internationalen Gruppen und ihren Live-Platten keineswegs ab. Kompakt und durchsichtig zugleich: Baß, Schlagzeug und Gitarren, so wie es für die Kompositionen und einzelnen Chorusse erforderlich ist." (Wolfgang Martin, nl 9/86)
"FORMEL I legen auf ihrer LP volle Kanne los... Daß HM auch in Deutsch originell sein kann, beweißt FORMLE I voll und ganz... Die Musiker verstehen ihr Handwerk erstklassig und würden die Mehrzahl der westdeutschen Bands in Grund und Boden spielen. Als Fazit kann ich nur sagen, daß sich HM a la DDR sehen und hören lassen kann." (Break Out Das Heavy Magazine, Mannheim/BRD, Heft 4/87)
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